Der Wald rauscht

Hast Du jemals die Wälder rauschen gehört? Wie Wellen am Strand: Berauschend, fesselnd und kraftvoll. Dort findet ein eigenes Leben statt, der geordneten Welt der Menschen wesensfremd. Es sind die Tiere, die dort ihr Zuhause haben. Tiere, die nicht domestiziert worden sind, sondern ihrem eigenen Treiben nachgehen. Manchmal bekommt man sie flüchtig zu sehen oder erahnt durch eine plötzliche Bewegung oder ein unerwartetes Geräusch ihre Existenz. Ihr geheimnisvolles Dasein übt eine Anziehungskraft und Faszination aus; stößt man auf einem Spaziergang durch den Wald unvermittelt auf einen Fuchs oder einen Elch, erzählt man noch lange davon. Aber es sind nicht nur die Tiere, die ihre Geheimnisse haben. Mit Moos überwachsene Steine und verrottete Baumstümpfe können Mystik erzeugen und regen die Fantasie an. So sind Wälder auch seit Jahrhunderten das Zuhause von Trollen und Hexen, Riesen und Elfen. Hinter den Rücken der Menschen führen sie ihr Dasein, uralt und fantastisch. Wenn sich Nebel über einen Waldsee senkt, kann man die Elfen darin tanzen sehen und trifft man auf große Felsbrocken, ist es leicht sich vorzustellen, dass ein Riese sie dahingeworfen hat. Der Wald bietet eine Projektionsfläche und ist das, was die moderne Zivilisation nicht ist: Wild, mystisch und natürlich.

Gleichzeitig hat der Wald mit dem Einzug der Moderne seinen Charakter geändert und ist nicht mehr das, was er einmal war. Im Laufe der Industrialisierung sind die Ressourcen des Waldes wirtschaftlichen Interessen untergeordnet worden und der Naturwald ist mehrheitlich kultiviert worden. Die romantische Vorstellung vom Wald ist in die Welt der Märchen versetzt – das heißt unwirklich geworden. Als Ronja Räubertochter in Astrid Lindgrens Geschichte im Wald zum ersten Mal auf Birk trifft, den Sohn des rivalisierenden Räuberhauptmanns, fordert sie ihn auf sich aus ihrem Wald fern zu halten. Birk erwidert, dass die Einbildung, der Wald gehöre ihr, falsch sei: „Der Wald gehört den Füchsen, die…“ Ronjas Naivität ist schnell entlarvt. Aber anders als in dem Märchen von Lindgren haben die realen Wälder Besitzer und es ist keine Selbstverständlichkeit, ihn mit der Fauna, die dort zu Hause ist, zu teilen. Modern kultivierte Wälder sind oft Monokulturen mit gleichaltrigen Bäumen derselben Art. Biotope aus altem abgestorbenen Holz finden dort keinen Raum – dafür werden die Wirtschaftswälder zu sehr „aufgeräumt“ und zu früh abgeholzt.

Die Bilder Rüdiger Tillmanns sind keine romantische Verklärungen: sie zeigen Wälder, so wie sie heute aussehen. Oft ist es ein Hybrid aus Natur und Kultur – wildgewachsenes Unterholz um einen Schießstand herum, vom Sturm umgeknickte Baumstämme neben einem Waldweg, ein Futterstand im Mischwald.Ein verrotteter Baumstumpf und im Hintergrund sprießendes Laubwerk lassen den Zeitraum, den ein Wald in sich bergen kann, greifbar machen.Tillmanns Bilder laden ein, den Wald zu betreten. Wenn man den Schritt wagt und zwischen den Bäumen entlangschreitet, kann man das Rauschen hören.

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